Seine Muse war die Krise, seine Freundin war das Bier

So überschreibt die FAZ ihre geneigte Besprechung der neuen Gottfried Benn Biographie , Mann ohne Gedächtnis, von Holger Hof, erschienen bei Klett-Cotta.
Am vergangenen Freitag hatten über 40 Zuhörer selbiger Lesung, bei Prior&Mumpitz, das Vergnügen, einen völlig neuen Gottfried Benn kennenzulernen.
Was für eine gelungene Veranstaltung!
Volles Haus, eine grandiose Lesung und eine Stimmung, die man kaum beschreiben kann.
Nicht nur Benn-Spezialisten kamen da auf ihre Kosten. Die Biografie liest sich nahezu wie ein Roman, ein Stück Geschichte über den zweiten Weltkrieg und eine Liebeserklärung an Berlin. Man liest und staunt und wundert sich über diesen großen, deutschen Dichter. Verschlingt jede einzelne Seite und will alles, alles wissen...
Braucht man dieses Buch?
Unbedingt!

Lesen bis der Arzt kommt!

Oder die Hebamme oder das Baby. Ohne Krimi geht die Mimi jedenfalls nicht in den Kreissaal! Beim ersten Kind hat Stieg Larsson die Wartezeit verkürzt, wer beim zweiten Sprössling abgelenkt hat, bleibt noch zu erfahren. Die Auswahl war jedenfalls vorhanden. Ich bin gespannt und hoffe, dass das zweite Krimi-Baby bald durch meine Ladentür geschoben wird.
Und welcher Übergang von Geburt zu Literatur passt besser als der neue Roman von
Jeffrey Eugenides ?
Die Liebeshandlung, Rowohlt Verlag
Eine Campus-Geschichte, ein Liebesroman, ein Buch über alles, was uns im Leben bewegt. Ein Buch mit und über Literatur, was will man mehr? Viktorianische Romane dienen als Vorlage der kleinen und großen Dramen des Alltags. Und wir erfahren wie Derrida, Baudrillard und Lyotard die Welt sehen. Mit Roland Barthes' Fragmente einer Sprache der Liebe schlägt Madeleines sich tapfer durch Studium und Leben. Hin- und hergerissen zwischen Begehren, platonischer Liebe, Lüge und Wahrheit und zwischen zwei Männern, die unterschiedlicher nicht sein können.
Eine traurig, schöne Tour de force - ein amüsanter Schelmenroman - eine humanistische Ode an die Liebe, in all ihren Facetten.
Da taucht man ein und will eigentlich überhaupt nicht mehr auftauchen!
Ganz großes Kino!
Braucht man dieses Buch?
Unbedingt!

Pfoten hoch!

Jenseits aller Gewohnheiten, hier an dieser Stelle ein Kinderbuch - das Kinderbuch! Mein (jedenfalls im Moment) Lieblingskinderbuch. Für Jungs und Alle ab 3.
Catharina Valckx, Pfoten hoch!, Moritz Verlag
Hamster Billy kommt aus einer Gangsterfamilie. Mit Augenmaske, Hut und Knarre ausgestattet, soll Billy, der viel zu lieb ist, Banditenstunden nehmen.
Alle Probanden, die bei dem Ausruf "Pfoten hoch" in Angst und Schrecken geraten sollen, nehmen Billy nicht ernst - im Gegenteil!
Es ist wie verhext!
Aber dann kommt doch noch Billys große Stunde...
Man möchte den Regenwurm Hans-Peter, den Hasen Didi, die Mäusedame Josefine und natürlich Billy höchstpersönlich aus den Buchseiten klauben und gaaaanz doll ans Herz drücken.
Goßes, großes Kino! - für Kleine und Große, Mutige und super Feiglinge.
V O R L E S E N !!!Unbedingt!
Das ist mal ein echter Erziehungsauftrag, der Spaß macht.

Wer' s literarisch krachen lassen will:
Hallgrímur Helgason, Eine Frau bei 1000°, Tropen Verlag
Eine alte Lady 80jährig, ungnädig mit Allem und Jedem, haust in einer Garage - mit einer Handgranate zwischen den Beinen und facebook vor der Nase, der einzige Kontakt zur Außenwelt.
Als Enkeltochter des ersten isländischen Staatspräsidenten, erlebte sie ein wildes 20. Jahrhundert. In Dänemark, Deutschland, Argentinien und Paris hat sich dieses Reibeisen mit Männern im Allgemeinen und Liebhabern im Besonderen die Welt erobert - eine Frau immer auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer, der nächsten Gefahr und vor allem nach Unabhängigkeit.
Anhand ihrer Männergeschichten erzählt uns der alte Knochen ein großes Stück Zeitgeschichte - vom Zweiten Weltkrieg bis heute. Ein Panorama, bei dem uns die Augen übergehen.
Island mal wieder at its best.
Krasses Buch - nix für sensible Seelchen und Anhänger der hübschen Geschichten, hier gehts ganz amtlich zur Sache. Aber arschcool und ziemlich, ziemlich witzig.
Übrigens ist Helgason der, mit den 10 Tipps, das Morden und den Abwasch...remember?

Das Leben ist eine Baustelle

Und ich mittendrin - immernoch! Umzüge sind Kindergeburtstage gegen Kernsanierungen bei "laufendem Betrieb".
Noch 2 Wochen zwischen Bodenschleifmaschienen, Farbeimern und diversen Vertretern der Handwerkszunft. Dann sollte meine Wohnung wieder mir gehören.
Zwischen grippalem Infekt, Buchladen und irgendwie noch Staub und Dreck im Domizil beseitigen, bleibt nur wenig Zeit für kurze Lesefluchten und dünne Bücher.
Die aber haben es in sich:
Paul Harding, Tinkers, Luchterhand (Pulitzerpreisträger 2010)
Am Ende eines Lebens fängt das Leben nochmal an.
Bis "ganz nach vorn" erinnert sich George Washington Crosby, als er er kurz vorm Ableben in tiefe Halluzination fällt. Vom Vater und Großvater wird da meisterlich erzählt. Menschen- und Naturbeschreibungen bannen den Leser ebenso, wie die abenteuerliche Kindheit, der epileptische, handlungsreisende Vater und das ganze Universum der Zeit.
Während ihm in seinen letzten Stunden der ganze Himmel auf den Kopf fällt, entführt G.W. Crosby den Leser in eine geheimnisvolle Landschaft tief im Norden von Maine. Außergewöhnliche Geschichten einer außergewöhnlichen Familie.
Lesen!
Margit Schreiner, Die Tiere von Paris, Schöffling & Co.
Wie schon bei Haus, Frauen Sex geht es auch hier nicht gerade zimperlich zu.
Verliebt, verlobt, verheiratet, geschieden - wer kennt ihn nicht, den guten alten Abzählvers.
Ein Paar bewegt sich zwischen Wien, Paris, Tokio und Italien. Alles wird probiert, studiert und verworfen. Jeder hat sein eigenes Lebensmodell, will den anderen einbeziehen, verspricht, bricht Wort, quält sich gegenseitig, versucht sich anzunähern und kommt doch auf keinen gemeinsamen Nenner.
Im Selbstgespräch erzählt eine alleinerziehende Mutter über ihre Ehe. Was hoffnungsvoll beginnt endet in einer Katastrophe. Die Tochter, hin- und hergerissen zwischen Vater und Mutter leidet, versucht zu vermitteln und sucht am Ende ihren eigenen Weg.
Nicht sehr erbaulich aber ganz, ganz großartig.
Vielleicht nicht geeignet für die fröhlichen, intakten PBerger Familien.
Für alle anderen: LESEN!

Und noch eine Nominierung


Gerade von den Kollegen des Matthes & Seitz Verlags per Fahrradkurier geliefert. Ich bin die erste Buchhandlung, die es bekommt! Na, das ist doch was. "Klein aber oho" ist hier mal die Devise.
Jetzt müsste alles an Bord sein, was nominiert ist.
Und dann noch dieser wunderbare Abgesang auf die Hochseeschifffahrt im Allgemeinen und im ganz Besonderen!
Eine Liebesgeschichte, ein Familienschicksal, starke Frauen, bärbeißige Männer und immer meint man Tang und Salz zu riechen. Spannend und melancholisch und manchmal ein bisschen wehmütig...was will man mehr?
Lesen!

Zwischen Bauarbeiten, Buchladen und Buchhaltung


schnell 3 Schmankerl der Longlist:

Eugen Ruge
In Zeiten des abnehmenden Lichts
Rowohlt Verlag

G R O ß A R T I G !
Unbeding lesen!
Lügen haben dann doch ein Ost- und ein Westbein.
Ruge erzählt vom Aufstieg und Niedergang (s)einer Familie. Im Kommunismus ohne mexikanische Sonne, weht ein ganz anderer Wind. Ein groteskes Festhalten an falschen Werten, in einer Zeit und an einem Ort, die sich schon längst selbst überlebt haben. Was von außen nicht kaputt gemacht wird, besorgt die Familie untereinander. Ein zähes Ringen über drei Generationen - ein Familienroman mit deutsch-deutscher Geschichtsvermittlung. Da geht noch einiges...
und:

Judith Schalansky
Der Hals der Giraffe
Suhrkamp
Jaaa! - auch unbeunbeunbedingt lesen!
Bildungsroman, steht da noch - na gut, von mir aus.
Alleswaswirsindroman tät auch passen - da krachts mal wieder ordentlich im (Ost)Westgebälk. Auf eine ganz subtil fiese Art und Weise, dass es einem die Schuhe auszieht!
Ziemlich, ziemlich klasse!


Na und Frau Rosenfeld mit Adams Erbe ist erfreulicherweise auch auf der Liste. Die kann man hier hübsch nachschaun!